Friday, January 13, 2006

Essay zu: Lévi- Strauss’ Strukturalismus


Der Strukturalismus, der als erste große Theorie in der Anthropologie nach dem 2. Weltkrieg gilt, wurde vom französischen Anthropologen und Ethnologen Claude Lévi- Strauss begründet.
Lévi- Strauss gilt zusammen mit Louis Dumont als bedeutendster Nachfolger von Marcel Mauss und griff für die Entwicklung seiner Methode des Strukturalismus Mauss’ Arbeit zum Austausch oder der Gabe auf.
Um Hintergründe und das Fundament der Theorie des Strukturalismus besser verstehen zu können, zunächst etwas zu ihrem Gründervater:

Claude Lévi- Strauss

1908 wurde Claude Lévi- Strauss in Belgien, genauer gesagt in Brüssel geboren. Schon früh geisterten strukturalistische Gedanken über unveränderliche, bleibende Grundmuster bestimmter Begebenheiten, und ihre veränderlichen Äußerungen im Sinne des oberflächlichen Erscheinungsbildes im Kopf des jungen Franzosen herum.
Nachdem er in Paris Recht und Philosophie studierte, verdiente Lévi- Strauss von 1932- 1934/35 als Gymnasiallehrer sein Geld.
Nachdem er 1934 einen Lehrstuhl für Soziologie in Brasilien erhielt, unterrichtete er in Sao Paulo von 1935- 1938. In dieser Zeit unternahm er viele Reisen in Brasiliens’ Innere, um ethnographische Forschungen anzustellen. Er sammelte wohl auch schon Material für seine späteren Studien, unter anderem für die des Mythos. Richtige Feldforschung à la Malinowski betrieb Lévi- Strauss allerdings weniger.
Der zweite Weltkrieg und ein Stellenangebot führte ihn nach New York, wo er zum einen auf strukturelle Sprachwissenschaft stieß, zum anderen aber auch auf die Boas- Tradition, mit ihren antirassistischen, anti- evolutionistischen Elementen, sowie dem Interesse an gemeinsamen menschlichen Denkweisen. Neben der französischen Philosophie und Brasilien gilt seine Zeit in New York als deutlich prägend.
1947 kam Lévi- Strauss zurück nach Paris, wo er sich als „Mauss’ Nachfolger“ etablieren konnte. 1948 veröffentlichte er „La vie familiale et sociale des Indiens Nambikwara“ und 1949 „Les structures élémentaires de la parenté“; 1950 wurde er schließlich Studiendirektor an der École Pratique des Hautes Études (E.P.H.E.) im Institut für Sozialanthropologie an der Universität von Paris.
1959 bekam Lévi- Strauss den Lehrstuhl für Sozialanthropologie am Collège de France und ein Jahr später, 1960, gründete er das Magazin „L’Homme“, welches sich rasch als das populärste Journal für Anthropologie in Frankreich etablierte.
Schließlich war er bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1982 Professor für Sozialanthropologie am französischen Collège de France.
Neben den bereits genannten Werken schrieb er über das Thema Totemismus: „Le totémisme aujourd’hui“(1962) und „La pensée sauvage“ (1962). Außerdem schrieb Lévi- Strauss in Band- Form einiges zum Thema Mythos und sein bekanntes werk „Traurige Tropen“ oder „Tristes Tropiques“(1955, englische Übersetzung im Jahr 1973). In diesem Werk, welches Elemente der Anthropologie, Philosophie und Autobiographisches birgt, erfuhr man erstmals auf recht intimen Weg seine Abneigung gegen Feldforschung und die damit Verbundene Krise in der er sich befand. Außerdem beschäftigte sich Lévi- Strauss mit Verwandtschaftssystemen, wobei besonders auf die Bedeutung der Heirat einging. [1], [2]

Der Strukturalismus

Zunächst einmal die allgemeinen Grundprinzipien des Strukturalismus als Forschungsmethode:
„Der Strukturalismus beruht auf der Grundannahme, dass Phänomene nicht isoliert auftreten, sondern in Verbindung mit anderen Phänomenen stehen. Diese Verbindungen gilt es aufzudecken; genauer gesagt bilden die Phänomene einen strukturierten (strukturierbaren) Zusammenhang. Dabei wird die Struktur jedoch durch den Beobachter in einem Modell konstruiert. Die Struktur existiert also nicht auf der Ebene der Wirklichkeit, sondern nur auf der Ebene des Modells.“ [3]
Es geht also um den Zusammenhang, die Vernetzung von bestimmten Phänomenen, die bei Lévi- Strauss vorwiegend sozialer Natur sind. Nach Lévi- Strauss bleibt das Wesen der Beziehungen konstant, während der Inhalt der Beziehungen von Fall zu Fall variiert, sei es zwischen Gesellschaften oder innerhalb einer bestimmten Gesellschaft. [4]
Die Strukturen stellen für Lévi- Strauss den Treffpunkt der verschiedenen Kulturen dar, sowie den Teil, woran Kulturen verglichen werden können.
Neben der französischen Soziologie, vor allem mit Durkheim und Mauss, wurde Lévi- Strauss auch prägend von der Linguistik (v.a. Ferdinand de Saussure) beeinflusst. So übernahm er von Saussure den Ansatz von Grammatik und Sprache, wobei die Grammatik das Grundgebäude an (Spiel- )Regeln repräsentiert, die eigentliche (Aus- )Sprache aber von Redner zu Redner variiert. Ein anderes Beispiel von Saussure um dieses Prinzip anschaulich zu machen ist das Schachspiel: Während es klar festgelegte Regeln gibt, an die sich alle Spieler halten müssen, so ist jedes einzelne Spiel allerdings einzigartig und variabel.
Die Schachregeln sind also hier vergleichbar mit der Linguistik, während, wie die Sprache, jedes Spiel einzigartig ist. Für diese Kontrastpaare zwischen dem untergeordneten Einzelfall und dem Ganzen, oder dem einzigartigen Schachspiel und den Regeln verwendeten Experten bestimmte Begriffe wie etwa Paradigmen für das Einzelstück, den Einzelfall, und syntagmatische Reihen für das Ganze oder Übergeordnete. [5]
Lévi- Strauss überträgt nun Elemente der Linguistik auf die Ethnologie und vergleicht Sprache mit Kultur:
„(...)Er argumentierte, dass die Kultur wie die Sprache sei: Nur ein Außenstehender könne die ihr zugrundeliegenden Regeln und Strukturen erkennen und interpretieren.“ [6]
Die Hauptaufgabe, die sich Lévi- Strauss als Anthropologe setzte, war das Verstehen und Erkennen des menschlichen Geistes, sowie von universalen Denkweisen und Strukturen. Ein wichtiger und fundamentaler Ansatz hierbei ist für Lévi- Strauss hierbei der der binären Opposition.
„(...) His most fundamental tenet ist he principle of binary oppositions, the view that the mind organises the world in contrasting pairs and develops coherent systems of relationship from such a starting- point.“ [7]
Dieses Denken in Gegensatzpaaren (binäre Opposition) ist nach Lévi- Strauss in allen Kulturen gleich, die Unterschiede liegen allein in den Äußerungsweisen oder Manifestationen. Nun sollte man verschiedene kulturelle Phänomene untersuchen, damit sich die universellen Denkmuster, oder die „Spielregeln, die allen Manifestationen zugrunde liegen, herauskristallisieren. Die wesentlichste Opposition bildet nach Lévi- Strauss der Gegensatz zwischen Natur und Kultur, wobei kulturelle Strukturen menschlichen Denkens die natürlichen Strukturen abbilden. So gibt es beispielsweise die drei Farben auf Verkehrsampeln, die eine bestimmte Symbolik haben, auch im natürlichen Farbspektrum. Laut Lévi- Strauss tendieren außerdem alle Menschen dazu, ihre Umwelt zu klassifizieren und die dabei verwendeten Vorgangsweisen beweisen die Uniformität der Struktur menschlichen Denkens.
„Regardless of their cultural specificity, humans everywhere think in terms of binary oppositions because they share aspects of mind. This is because their brains are physiologically identical, which derives from the fact that they are all members of the same species.“ [8]
Im Allgemeinen geht es Lévi- Strauss bei seiner Forschung darum, universelle Strukturen des menschlichen Denkens, nicht etwa soziale Strukturen zu erforschen. Für ihn ist das Inzest- Tabu (Konzept von verbotenen Heiratspartnern) ein Beispiel für universelle Merkmale in Gesellschaften; außerdem ist der Mythos für Lévi- Strauss ein Paradebeispiel dafür, dass es einen allgemeinen Geist gibt.
Kritik und Schlussfolgerungen für nachfolgende AnthropologInnen
Ein großer Kritikpunkt an der Arbeit von Lévi- Strauss ist die Frage nach der Glaubwürdigkeit und Aussagekraft seiner Aussagen, da er kein besonders guter Feldforscher war. Schon im Werk „Tristes Tropiques“ wird seine Abneigung gegen Feldforschungen deutlich, viele sagen auch, er habe nie die Muttersprache im betreffenden Forschungsgebiet erlernt und sich auch nicht besonders lange vor Ort aufgehalten.
Außerdem wird Lévi- Strauss oft vorgeworfen, er hätte recht gerne vorschnell interpretiert und anschließend gezielt nach Fakten gesucht um seine Hypothesen zu bestätigen, während er jene, die womöglich nicht bestätigend waren eher vernachlässigte.
Nachfolger von Lévi- Strauss ließen wohl mehr Platz für Offenheit und akzeptierten die Tatsache, manchmal vielleicht auch selbst falsch zu liegen. So meinte etwa Edmund Leach in seinem kritischen Buch über Lévi- Strauss in einem Kapitel, in dem es um die Lévi- Strauss’schen Verwandtschaftsstrukturen geht:
„(...) Wie man auf Abbildung 7 erkennen kann, gab Lévi- Strauss zunächst einmal sechs konkrete Beispiele, um seine These zu belegen, aber nirgends erwägt er die Möglichkeit von Gegenbeispielen, die in sein logisches Schema nicht passen würden. (...)“ [9]
Ebenso ist in diesem Buch von Leach von fälschlichen Annahmen Lévi- Strauss’ die Rede und er kritisiert wiederholt seine nicht unbedingt ausgiebige und von allen Seiten beleuchtete Vorgangsweise zum Erhalten von Fakten.
„ Lévi- Strauss scheint überzeugt zu sein, daß es zum Beweis der grundsätzlichen Richtigkeit seiner Theorie schon ausreicht, wenn es überhaupt irgendwelche ethnographischen Fakten gibt, die mit seiner Theorie übereinstimmen, aber selbst seine ergebensten Anhänger dürften sich damit nicht zufriedengeben.“ [10]
Mit jenen Materialien von Lévi- Strauss aus zweiter Hand, die oft auf starker Vereinfachung basieren oder bei denen geschichtliche und soziale Hintergründe oft nicht betont oder sogar bewusst ignoriert wurden, erscheint natürlich auch seine ganze Strukturalismus- Theorie über Denkformen in einem anderen Licht und wirkt fragewürdig.
Außerdem gilt heute Lévi- Strauss’ Aussage, dass alles im menschlichen Denken auf Binarität zurückzuführen sei unbestritten als falsch. Heute ist eher von vernetztem Denken die Rede und ein Netz kann nur schwer auf zwei Kontrastpaare zurückgeführt werden.
Trotz alledem hatte der Strukturalismus nach Lévi- Strauss einen immensen Einfluss auf die französischen Intellektuellen und seine Theorien wurden nicht nur kritisiert, sondern auch studiert und geschätzt. Viele sahen sein Schaffen als inspirierend für die Studie von Symbolen, Erkenntnis und die des Mythos.

„(...) There is nevertheless no doubt that Lévi- Strauss was the single most influential anthropologist in the period after Malinowski and Radcliffe- Brown- especially in France and other Latin countries, but also in the Anglo- Saxon world. (...)“ [11]


Quellenangaben:
[1] VGL.: Parkin, Robert, „One Discipline, Four Ways: British, German, French, and American Anthropology“, The University of Chicago, S. 208, 209
[2] VGL.: Leach, Edmund, „Claude Lévi- Strauss zur Einführung, 1991 Junius Verlag GmbH, S. 11 bis 13
[3] Zitat: http://de.wikipedia.org/wiki/Strukturalismus , Stand: 31.12.05
[4] VGL.: Parkin, Robert, „One Discipline, Four Ways: British, German, French, and American Anthropology“, The University of Chicago, S. 210
[5] VGL.: Parkin, Robert, „One Discipline, Four Ways: British, German, French, and American Anthropology“, The University of Chicago, S. 210
[6] Zitat Wikipedia : http://de.wikipedia.org/wiki/Claude_L%C3%A9vi-Strauss Stand:31.12.05)
[7] Zitat: Eriksen, Thomas Hylland, „Small Places, Large Issues – An Introduction to Social and Cultural Anthropology Second Edition“, Thomas Hylland Eriksen 1995, 2001, S. 216
[8] Zitat: Parkin, Robert, „One Discipline, Four Ways: British, German, French, and American Anthropology“, The University of Chicago, S.212
[9] Zitat: Leach, Edmund, „Claude Lévi- Strauss zur Einführung, 1991 Junius Verlag GmbH, S. 116
[10] Zitat: Leach, Edmund, „Claude Lévi- Strauss zur Einführung, 1991 Junius Verlag GmbH, S. 124
[11] Zitat: Eriksen, Thomas Hylland, „Small Places, Large Issues – An Introduction to Social and Cultural Anthropology Second Edition“, Thomas Hylland Eriksen 1995, 2001, S. 216

Thursday, November 24, 2005

Essay zum Thema: 4. Durkheim

Welche Spezifika seines Werkes machten Durkheim zu einem wichtigen Einflussgeber der anthropologischen (bzw. sozialwissenschaftlichen) Theorienbildung des 20. Jahrhunderts?
Worin bestehen die Neuerungen im Denken Durkheims, die spätere Forschungsrichtungen inspirierten?

Émile Durkheim gilt als eine der einflussreichsten Leitfiguren der französischen Anthropologie und sein Lebenswerk trug maßgeblich zur Entwicklung der Soziologie als eine etablierte empirische Wissenschaft bei. Durkheim revolutionierte die gesamten Sozialwissenschaften in Europa und durch ihn entwickelte die Anthropologie eine gewisse Nähe zu den übrigen Sozialwissenschaften.
Um die Bedeutung und Entstehung seines Gesamtwerkes besser verstehen zu können, hier kurz der Hintergrund zur Person:

Geboren im Jahre 1858 im französischen Épinal in eine jüdische Familie kam es schon bald in seiner Jugend zum persönlichen Bruch mit der Rabbiner- Tradition und Religion, Durkheim wandte sich dem Agnostizismus zu.
1875 setze er seine Schulausbildung in Paris fort und unterrichtete nach seinem Philosophiestudium 1882 an diversen Lycées. Nach seinem einjährigen Studienaufenthalt in Deutschland zum Studium von Soziologie und Pädagogik unterrichtete er in Bordeaux und an der Sorbonne in Paris. 1989 gründete Durkheim die Zeitschrift „L’Année sociologique“, die zur Grundlage der Durkheim- Schule werden sollte. Sein Ziel war allerdings nicht primär zu unterrichten, sondern der Soziologie zu einem anerkannten universitären Status zu verhelfen.
Allerdings war Durkheim nie ein Feldforscher wie etwa Franz Boas, sondern galt als „armchair anthropologist“, was ein häufiger Kritikpunkt seiner Arbeit ist.
Einer der bekanntesten Schüler Durkheims’ ist wohl sein Neffe, Marcel Mauss, außerdem prägte er den britischen Funktionalismus mit Malinowski und Radcliffe-Brown, sowie den französischen Strukturalismus mit Lévi-Strauss.
Am 15. November 1917 starb Durkheim schließlich in Paris. [1]

Worin liegen nun die Besonderheiten in Durkheims’ Werk, welches sind seine innovativen Denkweisen?

Während seiner Zeit in Paris war die Religion im Mittelpunkt seiner Studien. Durkheim stellte die Verbindung der Religion zur Gesellschaft her und erarbeitete außerdem die vier Charakteristika der Religion an sich, durch die diese ihre soziale Funktion erfüllen könne. [2]
Das Wertesystem einer Gesellschaft fand nach Durkheim Ausdruck im religiösen Glauben und Praktiken einer Gesellschaft, hierbei betonte er besonders die Rituale als Ausdrucksmittel in der spezifischen Situation oder im Akt der Gemeinschaft.
Durkheim war der Auffassung Religion sei weniger göttlichen oder übernatürlichen Wesens, sondern vielmehr ein Produkt der Gesellschaft, das den Individuen Struktur und eine Bedeutung geben sollte. Die Tatsache, dass Religion eine soziale Begebenheit sei, legte er 1895 in seinem Werk: „Rules of sociological method“ fest. "If religion has given birth to all that is essential in society, it is because the idea of society is the soul of religion." . [3]
Die Idee der Gesellschaft ist für Durkheim also nichts anderes als die Seele der Religion.
Außerdem versuchte Durkheim die Gemeinsamkeiten der verschiedenen Religionen, sowie die Auswirkungen dieser religiösen Glaubensinhalten auf die einzelnen Individuen einer Gemeinschaft festzuhalten.
Um die Gemeinsamkeiten von Religionen zu erfassen beschäftigte sich Durkheim mit den „natives“ Nordamerikas und den australischen Aborigines, bei welchen er den Totemismus als soziale Ausdrucksform von Religion und sogar als die ursprünglichste Form von Religion generell erachtete. Die Erkenntnisse von Durkheim über das Totem (Wesen oder Ding, das als Ahne oder Verwandter eines Menschen, Clans oder sozialen Gruppe gilt, verehrt wird und nicht getötet oder verletzt werden darf) übten unter anderem Einfluss auf den berühmten britischen Anthropologen Radcliffe – Brown aus: Dieser stützt sich auf Durkheims’ Erkenntnisse, dass Totems die wichtige Funktion haben Clan -Solidarität auszudrücken. [4]

Ein weiterer wichtiger Punkt ist Durkheims’ berühmte Dichotomie religiös – profan, die Ausdruck findet in seinen Werken Suicide (1897) und The Elementary Forms of the Religious Life“ (1912/1995). In seiner Studie über den Selbstmord (Suicide) vergleicht er Selbstmordraten verschiedenster Gebiete und beleuchtet Statistiken von Populationen unterschiedlicher Konfession und Alters. Außerdem zeigt er wie das Thema in Frankreich und generell im katholisch geprägten Europa behandelt wird und vergleicht dies mit der Auffassung in Ozeanien. Allein in diesem Ansatz Durkheims’ zeigt sich die essentielle Neuerung im wissenschaftlich – anthropologischen Handeln, welche, abgesehen von der Morgan’schen Idee, noch nicht vorhanden war: Durkheim legte großen Wert darauf sich auch mit der eigenen Gesellschaft auseinanderzusetzen wenn man sich im Sinne der Forschung mit einer anderen Kultur befasst. Früher wurden fremde Kulturen entfernt betrachtet und exotisiert.
Doch zurück zum Thema Suizid: Während in Europa zu dieser Zeit die Konnotation mit dem Thema Selbstmord eine sehr negative war, so ist der Begriff in einer anderen Gesellschaft wie in Ozeanischen eher positiv behaftet. Durkheim zeigt uns hier die verschiedenen Bewertungen ein und desselben Themas in zwei unterschiedlichen Gesellschaften und damit auch weiters, dass es Unterschiede in Gesellschaften gibt und diese oft mit der Religion zusammenhängen.
Das Ausschlaggebende am Denken von Émile Durkheim ist die Erkenntnis, dass es jenen Gegensatz von sakral und profan in jeder Gesellschaft und überall gibt und nicht nur zu dieser Zeit in Frankreich. Deshalb wohl auch der Name des Klassikers „Die Elementaren Formen Des Religiösen Lebens“.
Außerdem beschreibt Durkheim das Phänomen Selbstmord, das bis dahin ausschließlich aus psychologischer Sicht auf das Individuum gerichtet beleuchtet wurde, aus empirisch – soziologischer Sicht.

Ein äußerst relevantes Element des Lebenswerkes Durkheims’, ist die Frage was die Gesellschaft zu einem inneren Zusammenhang bewegt; hier tauchen erstmals die Begriffe der organischen – und mechanischen Solidarität auf:

Was versteht Durkheim nun unter dem Begriff „organische Solidarität“ ?
In den industrialisierten Gesellschaften wie der französischen oder deutschen ist laut Durkheim ganz klar die Arbeitsteilung verantwortlich für einen inneren Zusammenhang oder Solidarität. Da die industrialisierten oder „modernen“ Gesellschaften einen hohen Grad an Arbeitsteilung aufweisen, kommt es zur Spezialisierung, es gibt ganz spezifische Berufe und Arbeitsbereiche. Da nun der/die Einzelne seine/ihre Bedürfnisse nicht selbst abdecken kann, „der Bäcker“ so zu sagen „seine Kleidung nicht selber näht“, kommt es zur Abhängigkeit der Individuen einer Gesellschaft voneinander. Das Ganze, der „Apparat“ Gesellschaft funktioniert von daher auch nur wenn alle Teile oder „Zahnräder“ zusammenspielen und ineinander greifen. Oder anders ausgedrückt: Gesellschaft funktioniert genau wie ein gesunder Organismus. Soziale Institutionen, wie die Teile des Körpers, funktionieren miteinender innerhalb größerer Systeme. Die sozialen Systeme, wie Religion, Verwandtschaft, Politik und Ökonomie bilden zusammen die Gesellschaft, genau in der Weise wie die verschiedenen biologischen Systeme dem Organismus die Form geben.[5] So heißt es etwa im Werk Small Places, Large Issues von T.H. Eriksen : „In classic structural-functionalism, from Durkheim and Radcliffe-Brown, society was often thought of as a kind of organism, as an integrated whole of functional social institutions.“ [6]
Diese Beschreibung der Gesellschaft beinhaltet, wie nur unschwer zu erkennen ist, (Struktur- ) funktionalistische Ansätze. Aufgrund dieser Gesellschafts -, und Solidaritätsmodelle gilt Durkheims’ Soziologie wohl als die wichtigste Quelle für struktur- funktionalistische Ideen.

Die nicht- ,oder wenig industrialisierten Gesellschaften, die einen deutlich geringeren oder gar keinen Grad an Arbeitsteilung aufweisen, brauchen etwas anderes für den Zusammenhalt welches, nach Durkheim, die Religion liefert. Da in einer kleinen Gemeinschaft, z. B. einem Dorf viele dasselbe machen um sich selbst zu versorgen und einander ähnlich sind, liefern in einer „traditionellen“ Gesellschaft nach Durkheim die sozialen Normen und Werte, so wie die Religion den Zusammenhalt. Dies bezeichnete Durkheim als „mechanische Solidarität“.

Die, 1898 im wesentlichen von Durkheim und einer Gruppe von Gelehrten aus den Bereichen der Geschichte, Ökonomie, Philosophie und des Rechts, die Durkheim häufig um sich hatte, gegründete Zeitschrift L’Année Sociologique galt als sehr revolutionär zu der Zeit und war ein starker Anreger für wissenschaftliche Arbeit.
Es wurden viele anthropologische Ideen veröffentlicht, speziell im Bereich der Anthropologie der Religion.
Unter anderem erschien Marcel Mauss’ berühmtes Werk „The Gift“ (1954 [1923 – 24]) ursprünglich in jenem Magazin, von welchem Mauss nach Durkheims’ Tod 1917 die Position des Herausgebers innehatte. [7]


Diese kleine Übersicht an wesentlichen Inhalten, Leistungen und Ideen des Lebenswerkes von Émile Durkheim waren wohl im Großen und Ganzen die ausschlaggebenden Faktoren dafür, dass dieser Mann zusammen mit Marx und Weber von vielen Experten als Gründervater der Anthropologie in Europa angesehen wird.


Quellen: [1] Vgl. Émile Durkheim – Wikipedia
[2] (Vgl. One Discipline, Four Ways, Parkin: the french- speaking countries, s.174)
[3] (Bellah, 1973, S. 191 [Auszug aus „The Elementary Forms of the Religious Life“])
[4] Vgl. Barnard Allan: History and Theory in Anthropology, Cambridge University Press 2000, S. 75
[5] Vgl. Barnard Allan: History and Theory in Anthropology, Cambridge University Press 2000, S.62
[6] Vgl. Small Places, Large Issues, Second Edition, T.H.Eriksen, anthropology, culture and society, S.74
[7] Vgl. Small Places, Large Issues, Second Edition, T.H.Eriksen, anthropology, culture and society, S. 17

Thursday, November 17, 2005

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